22.6.97
HANNOVERANER CHAOS-TAGE
ZUR LOVE PARADE VERLEGT!
- Radikale Punks drohen mit "Schutt und Asche"
bei "Hate Parade" -
Völlig unerwartet haben die Ereignisse um die Hannoveraner Chaos-Tage eine ganz neue Wendung genommen. Denn während die HANNOVERSCHE NEUE PRESSE in ihre Ausgabe vom Samstag, den 21.Juli, noch über die "Ruhe, als sollten die Chaos-Tage 1997 nicht stattfinden" rätselt, so kristallisieren sich nun immer mehr die wahren Hintergründe dieser angeblichen "Ruhe" heraus.
Die Punks sind nämlich ganz und gar nicht untätig oder gar "ruhig"
gewesen: Schon sein Monaten wird in der Szene mit einem Flugblatt für neue Chaos-Tage
geworben, das wir im Gefolge einer endlosen Kette von Gerüchten und Mund-zu-Mund-Propaganda
nun endlich selbst in der Redaktion vorliegen haben.
Der Flyer kommt schnell zur Sache: Angekündigt wird "DAS Punk-Ereignis 1997", und der "Plan" ist "Die Verlegung der Chaostage 97 von Hannover nach Berlin" Die Punks zeigen dabei durchaus taktische Raffinesse - zum Leidwesen der Berliner Polizei! Denn während ihre Hannoveraner Kollegen noch leichtes Spiel hatten, die bunthaarigen Krawallbrüder aus der Stadt herauszufischen und in einen Zug Richtung Heimatort zu stecken, so wollen die Punks diesmal "getarnt in den Massen aus Pillenfressern, Mützenträgern und Farbfrisuren" nach Berlin anreisen.
Worauf hier angespielt wird, ist klar: Nicht am traditionellen ersten Augustwochenende
sind die Chaos-Tage diesmal angesetzt, sondern kurzerhand ein paar Wochen vorverlegt:
Die Menschenmassen der LOVE PARADE sind das Wasser, in dem die Chaoten wie Fische
schwimmen wollen, unerkannt und gut geschützt.
Kein Wunder also, daß sich in, um und wegen Hannover nichts tut - die Szene
mobilisiert mit allen Kräften nach Berlin! Diesmal soll also hier das Chaos-Spektakel
erfolgreich wiederaufgeführt werden, nachdem der konsequente Hannoveraner Polizeieinsatz
von 1996 eine Wiederholung am selben Ort in denkbar ungünstigem Licht erscheinen
ließ.
Das Entgegenkommen der hannoverschen Behörden, die Chaos-Tage 1997 diesmal nicht zu verbieten, scheinen die Punks dabei nicht als Angebot zu betrachen, sondern vielmehr als Provokation und "Verarschung für CDU-Punks". Nein, erst im Jahre 2000 zur EXPO will man sich wieder in Hannover treffen, dann aber soll´s richtig zur Sache gehen und der Stadt "schöne Bösartigkeiten" bescheren.
Die verbleibenden Jahre sollen nun wohl mit Aktionen wie der "Hate Parade", wie sie ihre chaotische Antwort auf die Love Parade nennen, gefüllt werden. Dabei haben die Punks nun zusätzlich einen Zeitpunkt erwischt, der ihnen - wie sie selbst schreiben - "hervorragende Chancen" verschafft. Der Widerstand der Berliner Bevölkerung gegen die Love Parade hat aufgrund der letztjährigen Verwüstung von Grünanlagen einen neuen Höhepunkt erreicht, und auch aus autonomen Kreisen wurde schon in den letzten Wochen Widerstand gegen das Kommerz-Spektakel angekündigt.
Hinzu kommt, daß auch in Techno-Kreisen selbst die Love Parade immer mehr in die Kritik gerät. Der Frankfurter DJ Martin Kliehm hat deshalb zu einer Gegendemonstration aufgerufen, die ebenfalls unter dem provokativen Motto "Hate Parade" läuft. Diese Veranstaltung der eigentlichen Techno-Subkultur ist parallel zur Love Parade um 15 Uhr in Berlin-Mitte am Bunker angesetzt. Kliehm distanziert sich zwar von den radikalen Hateparade-Aufrufen von Autonomen wie Punks, aber es ist dennoch anzunehmen, daß seine Aktion das vorprogrammierte totale Chaos eher noch vergrößern wird.
Große Probleme stellen sich der Berliner Polizei zudem durch die räumliche Nähe der Love Parade zur Parademeile der Bundeshauptstadt. Ausgerechnet der Kurfüstendamm liegt in unmittelbarer Nähe des Sammelpunktes der Love Parade-Teilnehmer, und die Gefahr ist groß, daß sich in dieser undurchsichtigen Situation massive Zerstörungsorgien wie etwa Anfang der Achtiger Jahre nicht vermeiden lassen. Damals wurde die Nobelmeile bei einer Spontandemonstration komplett entglast; die Polizei war machtlos.
Das Punk-Flugblatt läßt in dieser Hinsicht schon schlimmes ahnen: "Remember
Schutt & Asche" heißt es, und: "Die letzte West verbrennen wir".
Man kann sich also auf einiges gefaßt machen. Wieder einmal.
Dokumentation: